Die Zahl der ADHS-Diagnosen im Kindesalter ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen (1). Immer mehr Familien stehen vor der Herausforderung, mit Symptomen wie Unruhe, Konzentrationsproblemen und Impulsivität umzugehen.
Viele Eltern suchen daher nach alternativen oder ergänzenden Behandlungsoptionen – insbesondere, wenn Medikamente wie Methylphenidat oder Amphetamine nicht ausreichend wirken oder Nebenwirkungen verursachen.
In diesem Zusammenhang rückt CBD (Cannabidiol) zunehmend in den Fokus. Das natürliche Cannabinoid aus der Hanfpflanze wird von einigen Eltern als „sanftere“ Unterstützung gesehen. Doch was sagt die Forschung? Und ist CBD Öl bei ADHS tatsächlich sicher für Kinder?
Was ist ADHS – und welche Herausforderungen bringt es mit sich?
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) gehört zu den häufigsten neurologisch-psychischen Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Typische Merkmale sind:
- Unaufmerksamkeit: Kinder lassen sich leicht ablenken, vergessen Aufgaben oder haben Schwierigkeiten, Anweisungen zu folgen.
- Hyperaktivität: Ruhelosigkeit, Bewegungsdrang und Schwierigkeiten, stillzusitzen.
- Impulsivität: spontanes Handeln ohne Nachdenken über Konsequenzen.
In Deutschland sind schätzungsweise 3–5 % der Kinder betroffen (2). ADHS wirkt sich oft stark auf Schulleistung, Familienleben und soziale Beziehungen aus. Häufig treten Begleiterscheinungen auf – z. B. Schlafstörungen, Angstzustände oder oppositionelles Verhalten (ODD).
Cannabidiol (CBD): Eine kurze Einführung
CBD ist ein natürlicher Bestandteil der Hanfpflanze, der im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv wirkt. Das bedeutet: Es verursacht kein „High“ und ist in Deutschland legal, sofern der THC-Gehalt unter 0,2 % liegt.
Im Körper wirkt CBD über das sogenannte Endocannabinoid-System (ECS) – ein Netzwerk von Rezeptoren, das an Prozessen wie Stimmung, Schlaf, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle beteiligt ist (3).
Relevante Mechanismen sind:
- Serotonin (5-HT1A-Rezeptoren): Beeinflussung von Stimmung und Impulsivität
- Dopamin: mögliche Modulation der Signalübertragung in Hirnarealen, die bei ADHS betroffen sind
- GABA-Rezeptoren: Förderung der Ruhe und Reizhemmung
Damit besitzt CBD potenziell beruhigende, angstlösende und stressregulierende Eigenschaften – ohne berauschende Wirkung, was besonders im Kindesalter entscheidend ist.
Gibt es wissenschaftliche Belege für CBD bei ADHS im Kindesalter?
Der Stand der Forschung
Aktuell gibt es keine randomisierten, placebokontrollierten Studien zu CBD bei Kindern mit ADHS (3).
Die bislang verfügbaren Erkenntnisse stammen aus retrospektiven Auswertungen und Beobachtungsstudien, die sich noch in der Vorbereitung befinden.
Beispielsweise wird in Australien derzeit eine Studie geplant, die CBD bei Jugendlichen mit ADHS und oppositioneller Verhaltensstörung (ODD) untersucht (Libzon et al., 2023).
Erste ärztlich begleitete Fallauswertungen zeigen, dass manche Kinder, die bereits CBD-Produkte anwenden, über Verbesserungen von Schlaf, Impulsivität oder Angstzuständen berichten – doch diese Daten sind nicht wissenschaftlich validiert.
Studien bei Erwachsenen mit ADHS
Einblicke liefert eine kontrollierte Studie mit 30 Erwachsenen, die einen Cannabisextrakt mit einem 1:1-Verhältnis von CBD und THC erhielten (4).
Ergebnis: leichte Verbesserung bei Hyperaktivität, Impulsivität und kognitiven Aufgaben – allerdings waren diese Effekte nach statistischer Korrektur nicht signifikant, wahrscheinlich aufgrund der kleinen Stichprobe.
Trotzdem zeigen diese Daten, dass Cannabinoide grundsätzlich eine Wirkung auf ADHS-relevante Gehirnprozesse haben könnten – was künftige Forschung bei Kindern relevant macht.
Möglicher Wirkmechanismus von CBD bei ADHS
CBD beeinflusst verschiedene Signalwege im Gehirn, die bei ADHS eine Rolle spielen könnten (5):
- Dopamin-System: ADHS ist mit einer Dysregulation des Dopaminhaushalts verbunden. CBD könnte indirekt ausgleichend wirken, indem es den Abbau von Dopamin verlangsamt.
- GABA-Rezeptoren: Diese sorgen für die Hemmung übermäßiger neuronaler Aktivität. Eine Modulation könnte die Reizüberflutung verringern.
- Serotonin (5-HT1A-Rezeptoren): Aktivierung dieser Rezeptoren kann Angst und Impulsivität reduzieren.
- Schlafregulation: Studien zu anderen Kindergruppen zeigen, dass CBD bei Einschlafproblemen unterstützen kann.
Dennoch gilt: Das kindliche Gehirn befindet sich in der Entwicklung – und es ist noch unklar, wie sich CBD langfristig auf neuronale Reifungsprozesse auswirkt.
Was sagen Ärzte und Experten?
Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) und internationale Expertengremien sind sich einig (6):
Es gibt derzeit keine ausreichende Evidenz, um CBD bei ADHS im Kindesalter zu empfehlen.
CBD ist kein zugelassenes Arzneimittel gegen ADHS, und Selbstmedikation kann zu Risiken führen – insbesondere durch unkontrollierte Dosierungen oder minderwertige Produkte.
Wenn CBD überhaupt in Betracht gezogen wird, dann nur unter ärztlicher Aufsicht, mit medizinisch geprüften Produkten und sorgfältiger Dokumentation.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen
Die bekannten Nebenwirkungen stammen überwiegend aus Studien mit Kindern, die CBD wegen Epilepsie oder Autismus erhielten (7). Dazu gehören:
- Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Reizbarkeit
- Schläfrigkeit und Magenbeschwerden
- In Einzelfällen: erhöhte Leberwerte
Außerdem kann CBD die Leberenzyme (CYP450) beeinflussen und dadurch die Wirkung anderer Medikamente verändern – z. B. Antidepressiva, Antiepileptika oder Stimulanzien.
Langzeitdaten zur Sicherheit bei Kindern mit ADHS liegen bisher nicht vor.
Rechtliche & regulatorische Hinweise
In Deutschland ist CBD Öl legal, solange es THC-frei (< 0,2 %) und als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird (8).
Für medizinische Zwecke existiert derzeit nur ein zugelassenes Präparat: Epidiolex, das bei bestimmten Epilepsieformen eingesetzt wird – nicht bei ADHS.
Eltern sollten daher auf folgende Punkte achten:
- Kauf nur von zertifizierten Herstellern mit Laborberichten
- klare Angaben zu CBD-Gehalt und THC-Freiheit
- keine Heilversprechen auf Produktetiketten
Fazit: CBD bei ADHS im Kindesalter – Eine Option mit vielen Fragezeichen
Das Interesse an CBD als natürliche Unterstützung bei ADHS wächst – verständlich angesichts der Nebenwirkungen klassischer Medikamente.
Doch die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen:
- Es gibt keine belastbaren Studien zur Wirksamkeit bei ADHS-Kindern.
- Die Datenlage zu Sicherheit und Dosierung ist unzureichend.
- Ärzte warnen vor Selbstmedikation und raten zu ärztlicher Begleitung (9).
CBD kann möglicherweise ein ergänzender Ansatz werden – aber erst, wenn solide wissenschaftliche Belege vorliegen.
Bis dahin gilt: Vorsicht statt Versuch.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Epidemiologische Daten zu ADHS. https://www.dgkjp.de/adhs-und-verwandte-stoerungen
- NDR Ratgeber Gesundheit. (2025). ADHS bei Kindern: Symptome, Ursachen und Behandlung. https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/ADHS-bei-Kindern-Symptome-Ursachen-Behandlung,adhs198.html
- Blessing EM, Steenkamp MM, Manzanares J, Marmar CR. Cannabidiol as a Potential Treatment for Anxiety Disorders. Neurotherapeutics. 2015;12(4):825-836. https://doi.org/10.1007/s13311-015-0387-1
- Cooper RE, Williams E, Seegobin S, et al. Impact of cannabinoids on symptoms of ADHD: A randomised controlled trial. Journal of Psychopharmacology. 2017;31(3):287-296. https://doi.org/10.1177/0269881116687071
- Crippa JA, et al. Cannabidiol and the endocannabinoid system: current knowledge and therapeutic potential. Neuropsychobiology. 2018;77(2):69-76. https://doi.org/10.1159/000484698
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (DGKJP). Stellungnahme zum Einsatz von Cannabisprodukten bei Kindern und Jugendlichen. https://www.dgkjp.de/news/detail/stellungnahme-cannabisprodukte
- Iffland K, Grotenhermen F. An update on safety and side effects of cannabidiol: A review of clinical data and relevant animal studies. Cannabis and Cannabinoid Research. 2017;2(1):139-154. https://doi.org/10.1089/can.2016.0034
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Epidiolex – Cannabidiol zugelassen bei bestimmten Epilepsieformen. https://www.bfarm.de/EN/Drugs/licensing/medicinal-products/_node.html
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (DGKJP). Stellungnahme zum Einsatz von Cannabisprodukten bei Kindern und Jugendlichen. https://www.dgkjp.de/news/detail/stellungnahme-cannabisprodukte